Jantjemöj

Den älteren Wiesmoorern mag dieser Name wohl irgendwie bekannt vorkommen - sie mögen ihn hier und dort wahrscheinlich schon gehört haben.

Jantjemöj war eine ganz normale und bettelarme Kolonistenfrau in Voßbarg, an der Grenze zu Zwischenbergen lebend. Kein Mensch interessierte sich für die Witwe Jantje - bis sie 100 Jahre alt geworden war.

Das war vor hundert Jahren schon eine große Ausnahme. Jetzt war Jantje auf einmal berühmt!

Sie lebte zu der Zeit allein in einer aus Holz und  getrockneten Torfstücken errichteten Moorkate. Nur der Kamin war gemauert!

Wegen ihres hohen Alters kamen Menschen vorbei, um sich mit ihr zu unterhalten und um über etwas aus der Vergangenheit zu hören. Mittlerweile war die Fotografie aufgekommen, so wurde Jantje bei vielen Gelegenheiten fotografiert und sogar Ansichtskarten gab es mit ihrem Konterfei!


Am berühmtesten ist wohl die Postkarte, wo sie vor ihrem Haus sitzt und Besuch von ihrem Schwiegersohn (mit Ochsenkarren) erhält.

Im Kirchenbuch von Strackholt sind diese Angaben zu ihrer Person niedergeschrieben:

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Im Alter von 103 Jahren war sie nicht mehr in der Lage, allein in ihrer Moorkate zu leben - sie zog zu ihrem Sohn nach Felde, Gemeinde Holtrop, und verbrachte dort die letzten beiden Jahre bis zu ihrem Tod im Alter von 105 Jahren.

Im dortigen Kirchenbuch ist dieser Eintrag verzeichnet:

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Auf meiner ehemaligen Website auf dem Server der Stadt Wiesmoor hatte ich einen Artikel eines Zeitzeugen, Johannes Kleinpaul, veröffentlicht, den ich hier gerne noch einmal einstelle - macht er doch das Leben in den Moorkolonien vor hundert Jahren und mehr so recht anschaulich!

Jantjemöj

2001                  10 Jahre Wiesmoor-info                2011


Nachstehend Lesen Sie die Erzählung eines Zeitgenossen, Johannes Kleinpaul, der die Greisin einst besucht hatte und einen anschaulichen Bericht verfasste, der uns einiges über das Leben in den Moorkolonien überliefert.
(Jantje sprach Ostfriesisch Platt, was sie sagte, habe ich in runden Klammern stehend frei ins Hochdeutsche übersetzt) [Erklärungen und Anmerkungen  meinerseits sind in eckigen Klammern eingefasst]
Jürgen Adams
Jantjemöj im Moor
von Johannes Kleinpaul
So kamen wir in unterhaltsamer Fahrt nach Voßbarg. Da hieß es denn: aussteigen, weil wir noch ein Stück weiter auf unbefahrbarem Wege zu ”Jantjemöj" gehen mussten. Der letzte Rest wurde uns von drei Bäuerinnen, die am äußersten Waldrand standen, freilich wenig freundlich, nur mit der Hand gewiesen: "All to Jantjemöj?" war das einzige, was sie staunend hervorbrachten. Zugleich deuteten sie an, dass schon andere Besucher vor uns da waren. Der sich hierin aussprechende Neid ist verständlich, denn Jantjemöjs einzige Tugend ist schließlich auch nur ihr ausnahmsweise hohes Alter.

Als sie vor zwanzig Jahren noch ebenso fest auf den Beinen stand, wie alle anderen Großmütter in Voßbarg auch, hatte kein Mensch nach ihr gefragt. Erst nachdem sie ein ganzes Jahrhundert still durchlebt hatte, schlug die Geburtsstunde ihres Glücks, ihrer Berühmtheit, denn berühmt ist sie jetzt. Aus ganz Ostfriesland empfängt sie zur Sommer- und Winterzeit Besuche. Sogar manche, die in der neuen Welt [Amerika] eine zweite Heimat gefunden haben, wenden einen Tag daran, sie zu sehen, ehe sie über das große Wasser zurückkehren.
Jetzt wird ihre Hütte sichtbar, weit abgesondert von allen übrigen, einsam im schweigenden Moor, vor einem unendlich weiten, flachen Horizont voll rotglühender Heide. Ein gar armselig aus Schilfrohr und Lehm zusammengepapptes Anwesen, das aber doch bei aller Winzigkeit von knapp 10 Schritt Länge und 4 Schritt Breite ganz den Stil der großen Plätze [Bauernhöfe] einhält. Mit einem engen Schornstein am Nordgiebel und das Dach über dem seitlichen Anbau so tief herniederhängend, dass es ein vierjähriges Kind greifen kann.
Hier wohnt die Greisin noch immer ganz mutterseelenallein mit ihrem kleinen Spitz. Sie schöpft noch immer Regenwasser aus gefahrvoller Backe [offener Moorbrunnen] und täglich schürt sie ihr Herdfeuer. Noch letztes Jahr hat sie zwei Acker Kartoffeln gelegt und auch wieder geerntet. Durch die kleine Tür geht's in einen engen Vorraum mit dem nötigsten Wirtschaftsgerät, von wo auch die Stiege zum Torfboden hinaufführt. Dann betreten wir den einzigen Wohnraum, der zugleich Wohn- und Schlafstube ist. An der Wetterseite ist der Herd aufgemauert und an die schmale Südwand neben der Tür ist ein altertümlicher Bettschrank angezimmert. Die Alte, an "Anschprache" [Aufmerksamkeit] gewohnt, an ihrem Fenster mit vielen billigen kleinen Scheiben sitzend, auf dessen Bord blaue Enzianblüten im Glase stehen, macht kein Hehl aus ihrer spärlichen Wirtschaft.
"Nu kaamt man gau in d' Köken!" (Nun kommt mal schnell in die Küche) begrüsst sie uns herzlich. Dann sich sofort zum Herde wendend, wo der Teekessel am eisernen Haken hängt, sagt sie, mehr zu sich selbst: "Nu is 't Füür haast ut, annes wull 'k Jo noch wolI'n Koppke Tee maken" (Jetzt ist das Feuer gerade aus, sonst hätte ich Euch noch ein Tässchen Tee machen wollen), sie hätte alles kochende Wasser schon in ihre "Pülle" (Wärmflasche) gegossen, die sie "mit up Bedd (ins Bett) nehmen wull (wollte)".

Da fragte sie: "Wat sün Ji vör Volk, wo hör Ju binanner?" (Was seid Ihr für ein Volk (wer seid Ihr), zu wem gehört Ihr
[Die Erläuterung, wer in der Familie mit wem aus einer anderen Familie in irgendeiner Form zu verbinden ist, ist noch heute bei älteren Leuten ein geläufiger Brauch. " Dieser ist ein Vetter von a, jener ein Schwager von b ", wobei a und b verwandt oder bekannt mit dem Fragenden war. Als sie hörte, dass mein Begleiter aus Moorlage stamme, wurde sie ordentlich lebhaft: "Wat, du büst ut Moorlage? Un nu wohnst heel in Emden? In Moorlage hett mien Bröör Marten ja wahnt, de is nu al dood." (Was, Du bist aus Moorlage? Und jetzt wohnst Du ganz in Emden?

In Moorlage hat mein Bruder Marten [Brinkmann] ja gewohnt, der ist jetzt schon tot).


Da sie merkte, dass wir sie und ihren Anzug betrachteten, meinte sie: "Vandaag bün ik nich moi, man sünst sönndags dann sett ik mien Hüll'up, dann seggen de Lü allmetts, Jantjemöj lett noch nett as 'n jung Wicht." (Heute bin ich nicht schön [zurechtgemacht], aber sonntags, dann ziehe ich meine guten Kleider an, dann sagen die Leute alle, Jantjemöj ist noch ganz wie ein junges Mädchen)
Eine junge Dame bemerkte, dass sie sie schon von ihren Ansichtspostkarten kenne. Sie wusste aber gar nicht, dass es solche überhaupt gibt.


"lk will jo een stüren", (ich will Ihnen eine zusenden) meinte daraufhin die junge Frau. "Denn moots hum man 'n goden sekern Keerl mitgeven, 'n Schipper of so, anners kunn 'k hum woll nich kriegen, denn holl'n se hum" (dann musst du darauf achten, sie einem guten, ehrlichen Kerl mitzugeben, einem Schiffer oder so, sonst werde ich sie wohl nicht erhalten, dann behalten die sie) meinte Jantjemöj.
Als dieselbe junge Dame sie fragte, ob ihr denn diese Einsamkeit auf ihre alten Tage, namentlich jetzt zum Herbst, nicht leid würde, sah sie uns beinahe vorwurfsvoll an:
"Alleen? De leev Gott is noch alltiet bi mi west."
(Allein? Der liebe Gott ist noch immer bei mir gewesen),
”Und so wollen Sie immerfort hier bleiben?"
“Jawoll, wenn ik nich weer trau'n kann, moot ik ja woll"
(Ja, wenn ich nicht wieder heiraten kann, muss ich ja wohl [bleiben]).
Und lächelnd fügte sie noch hinzu: "Man mi sall ok woll kien een mehr hemmen willen, ik hebb kien Tann of Kuus mehr in d' Mund." (Aber, mich wird auch sicher keiner mehr haben wollen, so ohne Zähne im Mund). Dann wandte sie sich wieder an ihrem Moorlager Freund: "Man nu segg, wo olt büst du denn?" (Sag mal, wie alt bist Du denn?) "Negenunfievtig." (Neunundfünfzig) "Ach dat is ja noch man'n Humioller, kannst noch nich mitproten  (Ach, das ist ja noch kein Alter, kannst ja gar nicht mitreden). lk weer do in mien beste Johrn un muss de hele Winter na't Moor hen to hacken" (Da war ich in meinen besten Jahren und musste den ganzen Winter zum Moor hin zum Hacken.)
Nun fragten wir nach den Erlebnissen ihres langen Daseins. Das Interessanteste fiel in ihre Frühzeit. Als die Franzosen 1812 hier im Lande waren, schleppten sie ihren Vater, der sich gerade mit seinem Torfschiff in Emden befand, mit vielen anderen Ostfriesen fort, nach Toulon. Damals machte auch Jung Jantje ihre weiteste Fahrt, um das Schiff zurückzuholen. Erst zwei Jahre später kam Vater wieder heim: "Man dat weer'n Bliedskupp, as Vader weerkweem, wie hebbt all rast (Man, waren wir froh, als Vater wiederkam, wir haben vor Freude getobt). ”Ja, ik heff vööl beleevt, min Vader is fröh stürben, mien Moder bleev mit'n Huus vull lütje Kinner sitten, ik bün neet vööl na de Schole henkomen”, (Ja, ich hab viel erlebt, mein Vater ist früh gestorben, meine Mutter blieb mit einem Haus voll kleiner Kinder zurück, ich bin nicht viel zur Schule gewesen). Lesen hebb ik lehrt, aber neet schrieven, ik muss up de Lüttjen passen. (Ich habe lesen gelernt, aber nicht schreiben, ich musste auf die Kleinen aufpassen.)

Mien eerste Stee was bi'n  Jöde in Auerk, de muchen mi geern lieden, mal sä de Fro an mi: Jantje, ik wull, du harrst uns Glove, denn wüss ik för uns Söhn keen beter Fro as di". (Meine erste Anstellung hatte ich in Aurich bei einem Juden, die mochten mich gern leiden, einmal sagte die Frau zu mir: Jantje, ich wollte, du hättest unseren Glauben, dann wüsste ich für meinen Sohn keine bessere Frau als dich).
Man dat harr'k noit daan, wenn ik nü ok noch so goot setten kunnt harr, na en Glove, wor'k to sworen harr, wull'k ok hollen. (Aber das hätte ich nie getan, wenn ich es auch noch so gut getroffen hätte, meinen Glauben, auf den ich geschworen hatte, wollte ich auch halten).

lk hebb en goden Mann hatt, BalsOhm [der legitime Familiennahme JantjeMöjs, unter dem man aber vergeblich nach ihm herumfragen würde, lautet Saathoff], de is nu ok al dood, siet teihn Jahrn, man unse golden Hochtiet kunn' wie noch maken. (Ich habe einen guten Mann gehabt, BalsOhm [Onkel Bals] der ist nun auch schon tot, seit zehn Jahren, aber unsere goldene  Hochzeit  konnten wir noch feiern)

Fieftig Johr, dat is 'ne lange Tiet, wenn man se vör sük liggen sücht, dat is 'ne körte Tiet, wenn man se sücht van achtern an, se sünd to lang, um se to verlehren, se sünd to kört um uttolehren. (Fünfzig Jahre, das ist eine lange Zeit, wenn man sie vor sich liegen hat, das ist eine kurze Zeit, wenn man von hinten zurückschaut, sie sind zu lang um sie zu vergessen, sie sind zu kurz, um alles lernen zu können)

Un ik hebb ok goode Kinner, se hebben goot wat lehrt, dat harr ik mi vörnomen, de Kinner sullen na de School un wenn ik de Boken ok börgen must harr.
(Und ich habe auch gute Kinder, sie haben gut was gelernt, das hatte ich mir vorgenommen, die Kinder sollten zur Schule, auch wenn ich die Bücher hatte leihen müssen)

As uns ollste Jung bi de Buur was, kwamm de Buur bi uns un sä: 'He maakt sük goot, sall he dat anner Jahr bi mi blieben'? Nu, BalsOhm was't recht, mi was't recht, he bleev. (Als unser ältester Sohn beim Bauern [angestellt] war, kam der Bauer zu uns und sagte: Er macht sich gut, soll er nächstes Jahr noch bei mir bleiben?

Nun, BalsOhm war es recht, mir war es recht, er blieb)

Do kummt unse Jung uns up'n Sönndag up Besöök, ik maak mit hum en Keierpaddje bi de Rogge langs, he was so still.
(Einmal, da kam unser Sohn sonntags zu uns auf Besuch, ich machte mit ihm einen kleinen Spaziergang am Roggen lang, er war so still)
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lk doch, Watt hett uns Harm wall, düürt noch en Settje, do sä he: 'Moder, de Maid, de bi uns deent, de kummt van mi in de Weken'. (Ich dachte, was unser Harm wohl hat, es dauerte noch ein Weilchen, da sagte er: Mutter, das Mädchen bei uns im Dienst, sie ist von mir schwanger)

't was as wenn ik de Sprake verlor, man do sä 'k an hum: 'Wenn du dat Wicht schändt hest, dann sallst du hör ok ehren, meenst du dat naher Kinner van BalsOhm un Jantje Möh bi de Weg liggen söllen, de neet weten, wat hör Vader is?"
(Es war, als wenn ich die Sprache verloren hätte, doch dann sagte ich zu ihm: Wenn du das Mädchen geschändet hast, dann musst du sie auch ehren, meinst du, dass hinterher [Enkel]Kinder von BalsOhm und JantjeMöj in der Wiege liegen sollen, die nicht wissen, wer ihr Vater ist?)

Mittlerweile sahen wir nach der Uhr.

Es war spät für uns, erst recht spät für JantjeMöj, für die jetzt gewöhnlich der Tag schon um vier zu Ende ist, und wir konnten von Glück sagen, dass sie uns überhaupt noch "Ansprache" gewährte. Ein anderer, der einst um dieselbe Zeit bei ihr anklopfte, lockte sie nur damit aus der Falle, dass er ihr durchs Fenster wies, was für einen schönen "SünnerKlaas" [Nikolaus-Gabe] er ihr mitbrachte, da räumte sie denn nochmals die Eimer und sonstiges Hausgerät vor der Tür weg, mit dem sie sich gegen die "Nachtlopers" (Nachtläufer) verbarrikadiert hatte. "Dat mi dar nachts kien Räubers und süks Schojerpack inbreckt." (Damit mir da nachts keine Räuber und solch Gesindel einbricht) Beim Abschiede, als auch wir der merkwürdigen Alten eine Kleinigkeit in die Hand drückten, meinte sie: "Mag je good gahn, heiraat bold, Gott mag sien Segen darto geben. "(Möge es euch gut gehen, heiratet bald, Gott möge seinen Segen dazu geben)
So treten wir, um eine eigenartige Erinnerung reicher, wieder hinaus in die schöne Herbstnatur und pflückten uns von der roten Heide um Jantjemöjs Hütte ein Andenken.

Sonderbar, diese Frau, die so viel länger als andere tausende Erdenluft geatmet, hat ein so wichtiges Ding, wie eine Eisenbahn, nie gesehen, denn als diese bis Bagband, ganz in ihre Nähe herankam, war's für ihre Beine schon zu spät. Aber kommt die Maus nicht zum Berge, kommt der Berg zur Maus.

Der Auricher Regiergungspräsident sandte ihr zum 100. Geburtstag ein Telegramm, auf Phonographenwalzen hat sie eingesprochen, mit ihrem harten, selten noch gehörten, alten Dialekt.

Gelegentlich halten vor Jantjemöjs Hütte auch Automobile und man hat die Steinalte sogar da hineingesetzt und darin geknipst. Unter diesen Eindrücken und Gedanken gingen wir zurück durchs Moor, bis wir unseren Landauer (Kutschwagen) wieder erreichten.

Jantjemöj war die Ur-ur-urgroßmutter meiner Frau Thea (Becker)

Wird fortgesetzt!