Wiesmoor Poller

Chronik vom dörflichen Leben im Poller


Die ersten Siedler im „Poller“ des Ortsteiles Auricher Wiesmoor II kannten nur Moor bis zur Haustür. Durch Torfgraben und Verkauf von Torf, was auch eine Existenzgrundlage für die Siedler bedeutete, ging das Moor allmählich zurück. Hier hatten Frösche in den Gräben ihre beste Lebensgrundlage. Man sagte auch „Poggenpoller“.
Kaufmann Jürgen Bohlen im Poller hatte seine Tüten für Lebensmittel mit der Abbildung eines Frosches als ein Glück bringendes Symbol versehen, die auf das Leben der ersten Siedler und ihre Lebensweise hinweisen sollten.

Ihre Einkünfte bezogen die ersten Siedler teilweise aus der Arbeit im Moor und in der Gärtnerei bei der Nordwestdeutschen Kraftwerke AG, in der sog. „Zentrale“ Wiesmoors. Im Frühjahr und später wurde meistens auf der eigenen Siedlung Torf gegraben für die eigene Feuerung im Winter und für den Verkauf an Kunden. Die Kolonisten hatten nebenbei ein paar Kühe, Schafe und Schweine.

Wie der Name Poller einmal entstanden ist, weiß keiner so richtig. Vielleicht aus Mooren neu entstandenes kultiviertes Land. Die Fläche, die abgetorft war, wurde durch das sog. „Wühlen“ kultiviert. Wühlen bedeutete, das Restmoor (Bunkerde) von „Pütt zu Pütt nach unten und Sand nach oben schaufeln. Dieses geschah im Winter, wenn die Leute weniger zu tun hatten.
Die Ehefrau sowie die Kinder mussten schon früh im Torf bzw. beim Torfgraben mithelfen. Sie waren je Familie 20 bis 30 Tage im Jahr „bit Ploog". Die Nachbarn sahen sich „bit Ploog“ am nächsten Tag wieder und riefen sich aufmunternde Sprüche zu. Es waren Ploog an Ploog auf allen Feldern. Ploog bedeutet, eine Arbeitsgruppe von mindestens vier Personen.

Heinz Eschen erinnert sich noch, wie die Kinder im Sommer morgens um 8.00 Uhr barfuss und im Winter fast alle mit Holzklumpen zur Schule liefen. Manchmal wurden die Holzklumpen wegen der längeren Haltbarkeit von unten mit sog. „Dickköpfen“ versehen. Mit Holzklumpen oder barfuss spielten die Kinder auch Fußball.


Tee wurde hier mit dicken Kluntjen und Rahm schon immer gern getrunken. Tee wurde nicht gerührt, die sog. „Wolke“ aus Rahm musste erhalten bleiben. Tee-Löffel benutze man nicht zum Rühren sondern lediglich zum Hineinlegen in die Tasse, wenn man nicht mehr möchte.

Beim Torfgraben auf dem Feld wurde das Tee-Trinken nicht vernachlässigt, sondern Pausen wurden genau eingehalten. Das Tee-Trinken auf dem Feld am Feuer hatte seinen eigenen Charakter; der Tee hatte einen besonderen Geschmack.
Nach dem Torfgraben kam die Bearbeitung des Torfes. Die Trocknung dauerte den ganzen Sommer. Die ganze Familie war der Inbegriff von harter Arbeit. Zu dieser Zeit gab es so gut wie nie Urlaub. Doch trotz der harten Arbeit haben die Menschen sich nicht beklagt und waren nur selten krank. Die Menschen liebten die Gemeinschaft und waren immer sehr lebensfroh. Sie kamen zusammen und klönten. Fernsehen gab es noch nicht.

Im Herbst wurde der getrocknete Torf mit Loren, jeweils mit 5 voll gepackten sog. „Kreiten“ vom Pferd über Gleisen an die Wieken - Süderwieke, Norderwieke - des Ortsteiles Wilhelsfehn II gezogen. Hier wurden voll gepackte Kreiten mit Torf (Vor- und Hintermann) über Planken auf das Torfschiff getragen und hineingekippt.


Wenn das Schiff ganz voll war, sagte der Schiffer: „Ik bün mit`n dicken Schipp vull Törf“ nach Emden bzw. Wilhelmshaven gefahren. Anfangs wurden die Schiffe im „Seel“ (Tragegurt) gezogen; bei gutem Wind geseilt. Später bekamen die Schiffe Motoren. Die Bauern in der Gegend von Emden wurden mit Torf versorgt. Zurück wurde meistens Schlick oder Klinkersteine für die neu erstellten Siedlungen zurückgebracht. Auf- und Abladen war selbstverständlich Handarbeit.



Die Kolonisten verkauften auch Torf vom Feld. Selbständige Fuhrunternehmer, wie z. B.: Dodo Aden, Max Harbicht, kamen mit Lkws bzw. Treckern und kauften den getrockneten, in Haufen, sog. „Bülten“, aufgestapelten Torf. Auch Bauern holten sich den Torf mit Pferd und Wagen ab. Hier gab es in der Zeit keine Straße. Durch Sandwege und Pfützen mussten die Fahrzeuge ihren Weg suchen. Sie saßen oft fest, was für die Kinder eine Freude war.


In der eigenen Wohnung stand ein Torfofen und man heizte ausschließlich mit Torf.

Heinz Eschen, als Vorkriegskind 1938 geboren, erinnert sich an diese Zeit ganz genau, wie im Winter die dünnen Fensterscheiben der Schlafräume zugefroren waren mit sog. „Eisblumen“.

Heinz Eschen erinnert sich auch an das „Schwarzschlachten“ und an die „Schnapsbrennerei“ im Krieg. Im Winter wurde man durch das Schreien, das sog. „Gieren“, der Schweine morgens aufgeweckt. Fast bei jedem Haus wurden ein oder mehrere Schweine geschlachtet. Abends gab es „Swienvisite“. Auch hier trafen sich Nachbarn und Bekannte zu einem geselligen Schmaus. Zubereitung und Geschmack des Essens waren einmalig.


Im Sommer hörte man das Fröschequaken. Es war morgens wie in einem Konzert.

In der Nachkriegszeit war Übergewicht der Menschen ein Fremdwort. Wegen Untergewicht wurden einige Kinder in Erholungsheime geschickt. Das Geld war knapp. Die Menschen lebten von dem, was sie selbst gesät und geerntet hatten. Kartoffeln waren ein Grundnahrungsmittel, Fleisch gab es nur sonntags oder zu besonderen Anlässen.

In Poller und in der Umgebung wurde nur Plattdeutsch gesprochen.

Plattdeutsch ist heute eine anerkannte eigenständige Sprache und wird als Kulturgut angesehen.

Heinz Eschen, den 9. März 2008